Atelier 17 Malerei

Texte

Text zur Ausstellung "Expedition", Stadtgalerie E5, Mannheim (2009)

Tanja Vetter bietet Malerei als selbst inszenierte Verfremdung einer Wirklichkeit dar, in der sich gegenständliche und abstrakte Elemente gegenseitig durchdringen. Landschaften sind ihr Sujet. Unbehaglich, melancholisch, befremdend nimmt man die Wald- und Berglandschaften, See- und Staffagelandschaften in den Blick. Denn trotz der Nähe zu dem Dargestellten mischen sich irreal anmutende Züge in die Naturräume hinein, bahnen sich den Weg vom konkret fassbaren Motiv über seine Auflösung bis hin zu abstrahierten Farbflächen, warm und kalt tönenden Farbverläufen und Oberflächenstrukturen.

Denn der Künstlerin geht es nicht darum, Natur abzubilden. Vielmehr gestalten sich ihre Landschafts-„Impressionen“ aus der Malerei selbst heraus, vollzieht sich Natur im Malprozess. Ihr künstlerisches Repertoire reicht von expressiven Pinselstrichen bis hin zu getröpfelter und verlaufender Ölfarbe; immer wieder wird der Tiefenraum gesucht und durch die Autonomie der Farbe wieder durchbrochen.

Daneben Menschengestalten in weiter sublimer Landschaft. Insbesondere die jüngsten Arbeiten beziehen die Figur, den Menschen in die koloristischen Landschaftsräume ein. Diese können durchaus symbolhafte Funktion haben und Fragen nach der scheinbar längst überholten Sehnsucht und dem abgebrochenen Verlangen nach Einheit von Natur und Mensch stellen, diese neu entdecken und erfahrbar machen.

Stefanie Müller
M.A., Kunsthalle Mannheim

Über Natur in den neuen Bildern von Tanja Vetter (Vernissage-Rede)

Ein berühmter Maler des beginnenden neunzehnten Jahrhunderts äußerte einmal den folgenden Ratschlag:

"Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht."

Vielleicht kennen sie das Zitat. Es stammt von Caspar David Friedrich, dessen einsame Menschengestalten in weiter sublimer Landschaft Ihnen vertraut sind. Der Künstler wendet sich damit gegen eine Malerei, für die bloß der Augenschein, die Oberfläche der Dinge zählt, zugunsten einer visionären Kunstauffassung. In der Malerei, sofern sie den Namen Kunst verdient, berühren sich Außen- und Innenwelt, denn, wie ein Zeitgenosse Friedrichs, der Dichterphilosoph Novalis einmal schrieb,

„der Sitz der Seele ist dort wo, sich Innen- und Außenwelt berühren.“

In den neuen Bildern von Tanja Vetter vollzieht sich eine ebensolche Berührung. Die Künstlerin gibt sich nicht damit zufrieden, Natur abzubilden. Ihre Landschaften existieren allein als Malerei. Gemalte Natur dient hier nicht als bequemer Ersatz für eine reale Naturerfahrung, keineswegs soll der Gang durch die Galerie eine Alpenwanderung entbehrlich machen. Fern von Postkartenidyllen, vollzieht sich Natur im Malprozess.

Das malerische Repertoire reicht von impressionistischen Pinselstrichen bis hin zu getröpfelter und gekonnt verlaufender Ölfarbe. Immer wieder wird der Tiefenraum durch die hohe sinnliche Präsenz nichtillusionistisch eingesetzter Farbverläufe durchbrochen, die in manchen Bildern wie moosartige Belege wirken können. Schwarze oder silbrig glänzende Flächen wirken nicht etwa monoton; Sie werden durch Binnenstrukturen gebrochen und tragen zur Bildatmosphäre bei. Kühle Akzente in grau und silber werden von warmen Primärfarben kontrastiert. Vor dem Hintergrund einer winterlich anmutenden Farblandschaft entfalten diesen Partien in rot oder grün eine besonders intensive Wirkung. Natur lebt von Gegensätzen.

Anders als in der traditionellen Landschaftsmalerei wird Natur nicht im eigentlichen Sinn dargestellt, Leben nicht imitiert, vielmehr begegnet uns das Bild selbst als lebendiger Organismus. Seelisches wird in der Kunst dort zu Leben erweckt, wo sich, analog zu dem zitierten Ausspruch von Novalis, Außen- und Innenwelt begegnen, wo erinnerte Fragmente gesehener, erlebter, erfahrener Natur in einem sensiblen schöpferischen Prozess auf der Leinwand zu neuer Wirklichkeit finden. Aus erinnerter Natur wird, mit den Mitteln der Farbe, ein neuer Erlebnisraum gebildet.

Wer das Werk von Tanja Vetter während der letzten fünf Jahre, seit ihrem Abschluss an der Freien Kunstakademie Mannheim in 2002, regelmäßig verfolgt hat, wurde von mancher Wendung überrascht. Ihre Bilder pendelten zwischen einer am Informel geschulten abstrakten Auffassung bis hin zu realistischer, oft durch ironische Elemente gebrochener Malerei.

In ihren neuen Bildern ist es Tanja Vetter gelungen, diese Pendelbewegung zugunsten einer gegenseitigen Durchdringung gegenständlicher und abstrakter Elemente abzulösen. Nun ist es unser Blick, der Blick des Betrachters, der, über das Gemälde schweifend, Eindrücke aufnimmt, die sich auf verschiedenen Ebenen des Wiedererkennens abspielen: Landschaftsräume, monochrome Farbflächen, Farbspritzer, Oberflächenstrukturen, die sich doch zu einem organischen Bildganzen verbinden.

Durch diese Vielfalt des Erkennens und Entdeckens entsteht ein eigentümlicher Reiz des Betrachtens. Scheinbar abgegriffene und für künstlerische Zwecke untaugliche Motive gewinnen überraschend neue Bildwürdigkeit. Hirsche und andere Tiere, vor ein dekoratives Stoffmuster gesetzt oder kraftvoll mit expressiver Geste übermalt, kommen hier keineswegs einem bloß sentimentalen Bedürfnis entgegen, das wir gerne distanziert als Kitsch abtun. Gleichwohl handelt es sich ebenso wenig um eine bloße Veralberung des schlechten Geschmacks.

Tanja Vetters Tierdarstellungen enthalten durchaus einen subtilen ironischen Hinweis auf die verpönte Tiermalerei; Ihr eigentliches Anliegen jedoch ist die Neuentdeckung und -erfahrbarmachung naturhafter Motive, die durch eine erstarrte künstlerische Tradition bereits jeglichen künstlerischen Potentials entledigt schienen. Ein Tier kann, wie alles naturhafte, niemals kitschig sein. Kitsch ist ein Problem der Wahrnehmung, ein kulturelles Phänomen. Es ist die malerische Qualität der Naturmalereien von Tanja Vetter, die sie vor einem Abgleiten in Sentimentalität bewahrt. Wenn Tanja Vetter Ironie einsetzt, dann geschieht dies nie auf jene zynische, intellektuelle Überlegenheit zur Schau stellende Weise, wie man sie allzuhäufig in Feuilletons und essayistischer Kunstkritik findet. Ironie ist, wie in den dichterischen Werken der Romantiker, ein Mittel, das Gesehenes und Erfahrenes in Perspektive setzt.

Wie in Thomas Manns Ideal einer „erotischen Ironie“ bedeutet dies bei Tanja Vetter, dass der Künstler das Objekt liebt, welches er ironisiert. Ironisierung bedeutet hier nicht Bloßstellung, sondern sympatisierende Darstellung bei gleichzeitiger Raum schaffender Distanz. Liebe und Distanz zum dargestellten Motiv, zu den Berg- und Seelandschaften mit ihrer Tier- und Pflanzenwelt, sind gleichermaßen notwendig, um Natur in der Malerei nicht abzukupfern sondern neu erstehen zu lassen.

Natur erfindet sich gleichsam neu, durchbricht zum Klischee erstarrte Bildtraditionen. Es ist das Privileg des Künstlers, unseren Blick auf die Natur immer wieder neu zu schärfen, damit Natur nicht als Stereotyp, sondern als lebendiger Geist erfahren werden kann. Ein uralter Streit in der philosophischen Ästhetik dreht sich um die Frage nach dem Verhältnis zwischen Kunstschönheit und Naturschönheit. Die Malerei von Tanja Vetter versucht weder der Naturschönheit nachzueifern, noch sie übertreffen.

Diese Bilder zielen auf eine Schärfung unseres Blicks, sowie auf eine Verfeinerung unserer Empfindsamkeit für die Sinnlichkeit naturhaft anmutender Formspiele und Farbklänge. Vielleicht werden Sie bei ihrer nächsten Alpenwanderung verwundert feststellen, wie sich Ihr Blick auf die Natur gewandelt hat, und werden sich überrascht fragen, ob dieser veränderte Blick vielleicht von Tanja Vetters Naturbildern bewirkt wurde.

Martin Weyers
Dozent an der Freien Kunstakademie Mannheim
Mitarbeiter der Joseph Campbell Foundation, Kalifornien
www.martinweyers.com

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